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Der Centenaire 2014 und die deutsch-französischen Beziehungen

Angela Merkel à Paris le 11 novembre 2009
© Reuters
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Die gedenkpolitischen Planungen zum 100. Jahrestag – dem Centenaire – des Ersten Weltkriegs nehmen in Frankreich langsam Fahrt auf, jedoch scheint dieser in Deutschland, wo der Erste Weltkrieg nicht den gleichen symbolischen Wert hat, nicht den gleichen Anklang zu finden.

Die Dimensionen des Jubiläums-Jahres 2014 führen die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für Frankreich eindrücklich vor Augen. Es ist für deutsche Beobachter nicht unbedingt leicht nachvollziehbar, aber es ist so: der Erste Weltkrieg, jene vier Jahre, in denen sich Frankreich – so jedenfalls die vorherrschende Lesart – vereint und opferbereit den Herausforderungen der Weltgeschichte stellte, hat sich in den letzten 10-20 Jahren zum Ursprungsmythos des modernen Frankreich entwickelt. La Grande Guerre hat damit im nationalen Symbolhaushalt der V. Republik eine Bedeutung erlangt, die mit der der französischen Revolution von 1789 durchaus vergleichbar ist.

In Anbetracht der historischen „Erbfeindschaft“ zwischen Frankreich und Deutschland und der Erfolgsgeschichte der Aussöhnung und Annäherung der beiden Länder kann sich das französische Gedenkprojekt 2014 auf einen starken deutsch-französischen Kern stützen, Ausgangspunkt für einen aufgeklärt-kritischen Blick in die Vergangenheit.
Indessen erschwert das Verhältnis Deutschlands zum Ersten Weltkrieg nicht nur die Formulierung eines deutschen Standpunktes, sondern noch weitaus grundlegender das Verständnis der französischen Erwartungen. Ein kennzeichnendes Beispiel verdeutlicht die ausgesprochene Asymmetrie der Wahrnehmung der Jahre 1914-1918: Als am 12. März 2008 Lazare Ponticelli, „le dernier poilu“, der letzte französische Kriegsteilnehmer starb, war das allen französischen Tageszeitungen eine Meldung auf der Titelseite wert, und die offizielle Zeremonie wurde im Fernsehen direkt übertragen. Landesweit wurden die Lehrer per Ministerialerlass dazu aufgefordert, den jungen Franzosen und Französinnen Leben und Leistung des Verstorbenen in Erinnerung zu rufen. Im Gegensatz dazu rief der Tod von Erich Kästner, dem letzten deutschen Frontsoldaten, einige Wochen vorher – insofern man sich dessen sicher sein kann – keinerlei Kommentare in der öffentlichen Meinung und keine offizielle Reaktion hervor.

In dieser Hinsicht genügt es, Angela Merkels Rede vom 11. November 2009 anlässlich der gemeinsamen deutsch-französischen Gedenkveranstaltung am Grabmal des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe nachzulesen, um zu verstehen, dass auf deutscher Seite Hitlers Massenmord an den Juden und die Schrecken des Dritten Reiches als – negative – Ursprungsmythen der heutigen Bundesrepublik gelten und den Ersten Weltkrieg weitgehend aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt haben. Dies heißt nicht, dass von Seiten der Geschichtswissenschaft oder in der Museumslandschaft nicht ein reges Interesse am Ersten Weltkrieg bestünde: Großprojekte wie etwa 1914-1918-online belegen ganz im Gegenteil, dass sich in diesem Bereich sehr viel tut. Nur haben wir es hier mit einem eher akademischen, allgemein historischen Interesse zu tun.

Die offensichtlich differente Erinnerung an den Ersten Weltkrieg wirft letztlich ein Schlaglicht auf das Nicht-Vorhandensein einer kollektiven europäischen Erinnerung. Der 100. Jahrestag der Urkatastrophe Europas bietet die Chance, die dauerhafte Pazifizierung Europas zu feiern und von deutscher Seite ein symbolisch starkes Bekenntnis zu den deutsch-französischen Beziehungen und zur europäischen Integration abzulegen.

Nach Arndt Weinrich, Forscher am Deutschen Historischen Institut

Der Artikel erschien am 2. Dezember 2011, die gesamte deutsche Version.